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Berichte von der Internationalen Musikmesse in Frankfurt
"95 Prozent der Top-50-Hits haben nie ein Instrument gesehen"


Die Musik kommt zunehmend aus dem Computer / Virtuelle Instrumente kopieren die Originale / Illegale Kopien sind das größte Problem

jcw. FRANKFURT, l. April.

Phil Collins tut es. Moby tut es, und auch das skandinavische Trommlerduo Safri Duo tut es: Die Bands gehen heute nicht mehr ins Tonstudio. sondern produzieren ihre Hits in den eigenen vier Wänden. "Wir haben unsere neue Platte zu Hause am PC aufgenommen", sagte Morten Ryggaard von Safri Duo am Rande der Musikmesse in Frankfurt. Das einzige, was man braucht, ist ein Personalcomputer (PC), eine Soundkarte und ein gutes Mikrofon", fügt er hinzu. Auch von Phil Collins und dem TechnoFreak Mobi ist bekannt, daß sie ihre Stücke am PC und kaum noch im Studio zusammenbasteln.

,,Das ist das Ende der großen Tonstudios. Selbst große Hits werden heute im Schlafzimmer aufgenommen", beschreibt Frank Simmerlein, Managing Director von Steinberg Media Technologies, die Situation. Steinberg ist einer der führenden Hersteller von Software zur Musikproduktion und vor allem mit seinem Programm Cubase einer großen Nutzergemeinde bekannt. Nur wenn Orchesteraufnahmen eingespielt werden oder eine Band "live" aufnehmen will. gehe man noch in ein Studio.

Bei der heutigen Musik in den Hitlisten hingegen sei ein Studio praktisch überflüssig. "Rund 95 Prozent der Stücke in den Top 50 haben nie ein Instrument außer einem Keyboard zur Steuerung des Computers gesehen", glaubt Simmerlein. Und tatsächlich: Angesichts der in Frankfurt auf dem Gebiet der Software zur Klangerzeugung gezeigten Produkte bleibt kein Wunsch nach einem bestimmten Sound, Geräusch oder Rhythmus unerfüllt. Aufwendige Geräte, die sich früher in den Regalen der großen Studios stapelten. sind nun als Software vorhanden und liefern exakt den gleichen Sound. Gleiches gilt für Pianoklänge, wie den des FenderRhodes oder den berühmten Sound der Wurlitzer-Orgeln. Die Software ist inzwischen in der Lage auch die für den Klang typischen kleinen Unzulänglichkeiten der Originalgeräte so perfekt nachzubilden, daß kein Unterschied mehr zu hören ist. Einzig das Keyboard - eine Klaviertastatur - wird noch mit dem PC verbunden und dann wird gespielt. Die Tastatur gibt die Melodie vor, den Sound erzeugt der Computer, und der kommt zur Not von Aldi oder Plus.

,,Als wir 1996 mit unserer ersten Software angefangen haben, waren die Rechner noch nicht schnell genug, um unsere Programme so richtig ins Laufen zu bringen", gibt Daniel Haver, CEO des Berliner Unternehmens Native Instruments, zu. Jetzt aber sei von seiten der Rechnergeschwindigkeit keine Restriktion mehr gegeben. "Hier hat die Entwicklung für uns gearbeitet", betont Haver. Das Unternehmen ist mit 11 Produkten auf dem Markt und hat in Frankfurt gerade seine erste Lösung für Gitarristen vorgestellt, die es erlaubt. den Sound des Instruments in allen erdenklichen Formen zu verfremden. Native Instruments gehört inzwischen zu den wenigen noch unabhängigen Softwareunternehmen die sich auf Programme zur Musikerzeugung spezialisiert haben. Der Computerhersteller Apple hat sich E-Magic geschnappt, Roland - bekannt für seine Keyboards - hat Cakewalk übernommen, und Pinnacle Systems kaufte im Januar 2003 Steinberg Media. Damit wurden viele der Ideenschmieden aus den Anfängen jetzt in größere Einheiten integriert.

Ganz ohne Studio geht es nach Angaben von Ralf Schipke. Tonmeister im Studio der Kunsthochschule für Medien in Köln, allerdings doch nicht. "Wenn alle Soundmodule bei komplexen Aufnahmen zusammengeschaltet werden, reicht der AldiRechner nicht mehr aus", sagt er aus der eigenen Erfahrung. Eine Loesung biete allerdings hier zum Beispiel Apple. wo durch die Zusammenschaltung von Rechenkapazitäten einzelner Computer mit der Software X-Grid eine verteilte Abarbeitung der Aufgaben ermöglicht werde. Dann rechnet halt auch der Computer der Sekretärin mit."

Eine weitere Tendenz. die in den Hallen der Musikmesse deutlich wird. ist die Kombination von Softwarepaketen mit kleinen Bedienelementen, die dann an den Computer angeschlossen werden und zur Steuerung der Software eingesetzt werden. Dies wird notwendig. da Computertastatur und Maus für die Bedienung der meist sehr komplexen Software nicht mehr ausreichen und der Nutzer mit zwei Händen - wie zum Beispiel an einem klassischen Mischpult - arbeiten möchte und muß.

Das größte Problem der Hersteller ist allerdings nicht der harte Wettbewerb untereinander. "Wenn nur 30 Prozent derjenigen, die illegale Kopien unserer Produkte nutzen auf bezahlte Versionen umsteigen würden. hätte die Branche keine Schwierigkeiten mehr", erläutert Simmerlein. Es gebe allerdings kein Bewußtsein dafür. daß es sich bei dem Aufbrechen des eingesetzten Kopierschutzes um eine schwere Verletzung des Urheberrechtes handele.
Insgesamt allerdings wächst dieses Geschäft des Instrumentenmarktes. Native Instruments - die in den ersten Jahren mit jeweils mehr als 100 Prozent gewachsen sind - und auch Steinberg gehen von guten Zuwächsen in den kommenden Jahren aus.

"Jeder Hobbymusiker möchte seine Stücke gerne professionell aufnehmen", betont auch Karl-Heinz Klemm. der mit seinem Vertriebsunternehmen in Deutschland vor allem lokalisierte Versionen amerikanischer Musiksoftware anbietet. Jetzt wird die ehemals professionelle Musiksoftware auch für den Hobbymusiker erschwinglich", betont Klemm. Der Preiskampf. der unter den Herstellern herrsche tue sein übriges. Er rechnet zudem damit, daß Musikhändler. die nicht auf diesen Zug aufspringen. eher kurzfristig mit Schwierigkeiten zu rechnen haben.

Es gibt allerdings auch noch Ausnahmeerscheinungen im Pop-Geschäft, die bewußt auf die digitale Musikerzeugung verzichten und damit erfolgreich sind. Das Rockduo White Stripes. Grammy-Gewinner des Jahres 2004 setzt vollständig auf analoge Technik. Auf ihrer CD steht ausdrücklich: Dieser Tonträger wurde vollständig ohne die Hilfe von Computern erstellt.

 

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